a + r Architekten GmbH

Erläuterungsbericht zum Wettbewerbsbeitrag

Konzeption

Das Grundstück des neuen Gymnasiums in der Erich-Kästner-Straße im Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf wird umringt von mehrgeschossigen Großwohnanlagen in Großtafelbauweise, die im Rahmen der Wohnbauprogramme der DDR entstanden sind. Wie kann in diesem uniformen, großmaßstäblichen Umfeld eine innovative Schule nach dem pädagogischen Leitbild der Compartmentschule entwickelt werden, die gute Innenraum- und Freiraumqualitäten für Kinder bietet?

Das Gymnasium soll die bestehenden Bildungsbauten zu einem klaren Rechteck als stabiles und klares Baufeld innerhalb des Bandes der öffentlichen Nutzungen und inmitten der Großwohnlagen ergänzen. Das Schulgebäude entwickelt sich als langgestrecktes Gebäude von der Erich-Kästner-Straße aus entlang des westlich angrenzenden Grünzugs an der S-Bahn in die Tiefe des Grundstücks. Die Sporthalle an der Erich- Kästner-Straße begrenzt räumlich zusammen mit dem Schulhaus in einer winkelförmigen Figur den Pausenhof nach Nord-Westen. Alle Klassenzimmer sind dadurch West-Ost orientiert mit Blick ins Grün. Ein direktes Gegenüber zur nördlichen Wohnbebauung wird dadurch vermieden und die Wohnqualität durch den verbleibenden Ausblick nicht verschlechtert.

Adressbildung

Ein besonderes Augenmerk wurde auf die Adressbildung des neuen Gymnasiums gelegt. Durch die fehlende Raumbildung der Umgebungsbebauung ist ein Bezug auf bestehende Stadträume nicht möglich. Die Schule muss für eine gute Auffindbarkeit ihr eigenes Entree schaffen. Das Schulhaus spannt zusammen mit der Sporthalle einen neuen Platz an der Erich-Kästner-Straße auf. Eine Pergola begrenzt räumlich diesen einladenden Vorplatz und markiert die Zugänge zur Schule und zur Sporthalle. Hier kann man auf langen Sitzbänken im lichten Baumschatten auf den Unterrichtsbeginn warten. In der Nähe des Platzes befinden sich sämtliche Fahrradstellplätze, sowie die PKW-Stellplätze für Rollstuhlfahrer:innen. Die Anlieferung erfolgt etwas abseits und somit störungsfrei im Nord-Osten, direkt angebunden an die Erich-Kästner-Straße.

Die Schule am Park

Durch die Gebäudestellung in Nord-Süd Richtung verwebt sich das Schulgebäude stark mit dem direkt angrenzenden Grünzug und Park an der S-Bahn auf der einen und den Freiflächen innerhalb des Bandes der öffentlichen Nutzungen auf der anderen Seite. Es entsteht dadurch eine Art „Schule im Landschaftspark“.

Der weiträumige Schulhof spannt sich zwischen Schulgebäude und Sporthalle auf. Daran angrenzend folgen das Kleinspielfeld, dass auch als Pausenfläche genutzt werden kann, sowie die weiteren Sportanlagen in direkter Nachbarschaft zur Sporthalle. Südlich des Schulgebäudes liegt der ruhigere Bereich der Außenflächen mit dem Schulgarten. Bei schönem Wetter kann man das Foyer mit angrenzender Mensa gänzlich öffnen und sein Mittagessen unter freiem Himmel genießen.

Der verbindende Sockel – "Öffentliche Funktionen"

Im Gegensatz zu den "privaten" Compartments, sind die "öffentlichen" bzw. gemeinsam genutzten Funktionen gut auffindbar im Sockel des Eingangsgeschosses untergebracht. Kunstbereich, Musik(schule), Verwaltung und Mensa/Mehrzweckbereich sind über ein großzügiges Foyer miteinander verbunden. Mensa und Mehrzweckraum können durch eine mobile Trennwand zusammengeschaltet werden und dienen in dieser Form bei Schulveranstaltungen als Aula. Durch seinen Zuschnitt und die große Raumhöhe ist der Raum optimal für Veranstaltungen aller Art nutzbar. Der Musikbereich besitzt einen eigenen Schließkreis sowie einen Nebenzugang zum Eingangshof, um einen problemlosen Betrieb bis in die Abendstunden, unabhängig vom Schulbetrieb, zu ermöglichen.

Die weiteren gemeinsam genutzten Bereiche (Naturwissenschaften, Bibliothek, Lernwerkstätten, Inklusion) liegen in den Obergeschossen zentral im mittleren Bereich des Gebäudes mit optimaler Anbindung an Treppenhäuser und Cluster. Durch diese Funktionsverteilung entsteht ein kompaktes Schulhaus mit kurzen Wegen.

Die "privaten" Compartments in den Obergeschossen

Da die Schule als Ganztageseinrichtung betrieben wird, sind die Aufenthaltsqualitäten im Innern von größter Bedeutung: Unser Leitbild ist die „Lernlandschaft“: eine möglichst offene Raumstruktur, die bessere und vielfältigere Nutzungsoptionen bietet als konventionelle Schulgrundrisse dies tun. Das neue Berliner Prinzip, Compartments als kleine Schule in der großen Schule, wird konsequent umgesetzt. In zentraler Lage, mit Sichtverbíndung in die Foren, befindet sich der Teambereich für die Lehrer:innen. Die Unterrichtsräume sind über eine offene Schottenstruktur mit dem jeweiligen Forum verbunden, wahlweise können damit Unterrichtsräume zum Forum entweder geschlossen oder geöffnet werden (Faltwand, Fenster etc.).

Flexibilität durch Schottenstruktur

Ziel ist es in den Compartments ein möglichst offenes Tragsystem einzurichten, sodass, je nach pädagogischem Konzept, Klassenräume oder Teilungsräume räumlich zum Forum geöffnet oder geschlossen werden können. Aus diesem Grund schlagen wir als Tragstruktur Schotten vor, um zwischen dem "Forum" und den Klassenräumen nach Belieben Verbindungen zu schaffen. Damit wird ein hohes Maß an Flexibilität, auch für pädagogische Konzepte in der Zukunft, gewährleistet.

Die Zwischenräume der tragenden Schotten können flexibel bespielt werden: geschlossene oder transparente Glaswand, Integration von Schrankflächen oder Arbeitsplätze zu den Klassenräumen, Raum für Schächte, Installationen und Waschbecken, Aufnahme von Faltwänden.

Nachhaltigkeit

Ein nachhaltiges Gebäude zeichnet sich durch seine hohe ökologische, ökonomische und sozio-kulturelle Qualität aus. Zur Bewertung der ökologischen und ökonomischen Qualitäten ist es wichtig alle Materialien, Konstruktionen und technischen Systeme über den gesamten Lebenszyklus zu analysieren und zu optimieren. Daher werden bereits bei der Konzepterstellung Methoden der Ökobilanzierung angewendet, um Entscheidungen für oder gegen bestimmte Systeme leichter treffen zu können, die eine angestrebte Zertifizierung in BNB „Silber“ ermöglichen.

Brandschutz

Jedes Compartment bildet eine Nutzungseinheit von ca. 735m2 (im Fall der beiden Oberstufencluster Typ A 520 bzw. 605m2). Die Nutzungseinheiten erhalten jeweils zwei notwendige, entgegengesetzt liegende Fluchtwege. Ein Rettungsweg führt direkt als Ausgang ins Freie auf die vorgelagerte Terrasse mit außenliegender Fluchttreppe. Der andere Rettungsweg führt direkt in das notwendige Treppenhaus. Unter diesen Voraussetzungen sind die Verkehrsflächen innerhalb der Compartments keine notwendigen Flure im Sinne des Brandschutzes. Die Compartments sind somit offen für alle schulischen Nutzungen, unabhängig von der Brandlast. Unterrichtsräume können beliebig zum Forum geöffnet werden (Faltwände, Sichtverbindungen etc.). Die Compartments erhalten eine Brandmeldeanlage im Vollschutz. Als barrierefreier Rettungsweg bzw. zur selbstständigen Rettung dient mobilitätseingeschränkten Personen in beiden notwendigen Treppenräumen jeweils ein Aufzug als Sicherheitsaufzug Stufe B.

Tragkonstruktion – Vorfertigung in Serie - Wirtschaftlichkeit

Der fünfgeschossige Neubau wird als Holz-Beton-Hybridbau vorgesehen. Die Gründung erfolgt als Flachgründung auf einer tragenden Bodenplatte mit einer umlaufenden Frostschürze. Die vertikalen Tragglieder sind als Stahlbetonschotten und –stützen vorgesehen. Zwischen den vertikalen Traggliedern spannen Stb.-Fertigteilunterzüge. Diese dienen als Linien-Auflager für die Holz-Beton-Verbunddecken. Entlang der Fassaden werden Brüstungen und Attiken als Unter-/Überzüge ausgebildet. Die Aussteifung des Gebäudes erfolgt über einzelne Stahlbetonwände und die HBV-Deckenscheiben.

Aufgrund der regelmäßigen und strukturierten Grundrisse ist eine Ausführung in Holz-Beton-Hybrid- bauweise wirtschaftlich und zügig möglich. Die klar strukturierte Konzeption ist per se im hohen Maße flexibel. Durch die Reduzierung des Stahlbeton-Anteils in der Konstruktion weist die HBV-Bauweise einen besseren ökologischen Fußabdruck auf als eine reine Stahlbeton-Konstruktion. Der verbleibende Beton soll zu möglichst großen Teilen aus rezyklierten Material bestehen.

Die Wahl eines einheitlichen höheren Lastansatzes von 5kN/m2 erfolgt in Übereinstimmung mit den Erfordernissen des Bewertungssystems Nachhaltiges Bauen.

Haustechnik

Der Neubau wird entsprechend den aktuellen Standards des Landes Berlin für die technische Ausrüstung ausgestattet. Das betrifft die IT Verkabelung sowie die Elektroinstallation im Allgemeinen. Die Beleuchtung erfolgt mit LED-Leuchten, die über Präsenzmelder überwacht und ggf. bei Nichtpräsenz abgeschaltet werden. Auf den extensiv begrünten Dächern sind in Teilbereichen Photovoltaikelemente vorgesehen.

Die Wärmeversorgung erfolgt mit der vorhandenen Fernwärme. Die Wärmeverteilung erfolgt über ein Warmwasserrohrnetz zu Radiatoren.

Ein hohes Augenmerk wird auf die Lüftung der Schule im Allgemeinen und insbesondere der Klassenräume gelegt. Alle Klassenräume erhalten die Möglichkeit einer ausreichenden natürlichen Lüftung über die Fenster. Zur Erreichung des kfw55 Standards und der BNB Zertifizierung ist eine Lüftungsanlage mit Luftmengen nach BNB vorgesehen. Diese stellt aufbereitete Luft in den Klassenräumen zur Verfügung, die schallgedämmt in die Flure überströmt und in WCs oder an anderen zentralen Punkten abgesaugt wird. Die Lüftungsanlagen verfügen über eine Wärmerückgewinnung und bedarfsweise über adiabate Kühlung (Verdunstungskühlung).

Die Lüftungsanlagen sind als teilzentrale Lüftungsanlagen je Gebäudeteil konzipiert. Diese versorgen die Klassenräume mit Zuluft, die dann schallgedämmt in die Lernräume und von dort über den Flur in die WCs und Nebenräume überströmt, um dort abgesaugt zu werden. Die Durchlüftung der Foren und Flure ist damit ein positiver Nebeneffekt. Die Flächen für die RLT-Anlagen sind im 4.OG vorgesehen.

Das Lüftungskonzept für die Sporthalle ist sehr ähnlich. Die innenliegenden Duschen, WCs und Umkleiden erfordern einen maschinellen Luftwechsel. Die daraus resultierende Luftmenge wird jedoch nicht in die Umkleiden, sondern in die Sporthalle eingeblasen. Von dort strömt sie in die Umkleiden und weiter in WCs und Duschen. Damit wird die Luft ohne Erhöhung der Luftmenge und ohne wesentliche Qualitätseinbußen 3-fach genutzt. Die Lösung ist somit sehr wirtschaftlich.

Mit Ausnahme der Nordfenster erhalten alle Fenster einen außenliegenden Sonnenschutz. Speichermassen an der Decke und an der Wand werden freigehalten. Die mechanische Lüftung, die auch zur Nachtauskühlung genutzt und optional mit adiabater Kühlung versehen werden kann, trägt einen weiteren Anteil zum sommerlichen Wärmeschutz und zu guten Lernbedingungen bei.